Aktien sollte man bei einem Börsencrash differenziert betrachten

Ein Crash am Aktienmarkt ist toll, man kann günstig Aktien nachkaufen. Jetzt beim Coronacrash gibt es viele Aktien mit Rabatt. Es bleibt aber immer dasselbe Problem, wann soll man kaufen? Theoretisch, wenn der Aktienkurs am niedrigsten ist. Leicht gesagt, man weiß es aber nicht.

Daher muss man versuchen das logisch etwas einzugrenzen, auch wenn nicht alles an der Börse logisch abläuft. Stelle dir stets die Frage, wie wirkt sich die jetzige Krise auf ein bestimmtes Unternehmen aus.

Nehmen wir einmal Amazon als Beispiel. Der Aktienkurs ist gestiegen. Die Geschäfte mussten schließen, konsumiert wurde weiter, wenn auch insgesamt weniger. Viele der vorherigen Einzelhandelskunden haben bei Amazon bestellt. Das Unternehmen kam gar nicht mit den Lieferungen hinterher und will 100.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wenn er sich erst einmal an etwas gewöhnt hat, macht er es weiter, in diesem Fall, bei Amazon online einkaufen. Corona ist ein Turbo für Amazon.

Schauen wir uns ein Gegenbeispiel an, Fluggesellschaften. Seit Monaten fliegen die nur Atemmasken und paar gestrandete Touristen durch die Gegend, ansonsten stehen alle Flieger am Boden. Entweder haben sie Staatshilfe bekommen oder sind Pleite, nur auf sehr wenige trifft dies nicht zu. Die Lufthansa beziffert ihren Verlust auf eine Million Euro pro Stunde. Wie wird sich das Unternehmen entwickeln? Im zweiten Quartal werden wir einen Milliardenverlust sehen, fliegt ja keiner.

Die Lufthansa-Aktie ist schon zwei Jahre vor Corona gefallen, weil der Gewinn gesunken ist. Man kann das sehr gut am Chart erkennen. 2017 lag der Gewinn noch bei rund 2,4 Milliarden Euro vor Steuern, ein Jahr später bei knapp 2,2 Milliarden Euro. Dieser leichte Rückgang hat den Aktienkurs schon von 30 Euro auf 20 Euro fallen lassen.

Danach ist er im Folgejahr von 2,2 auf 1,2 Milliarden Euro gefallen, von 20 Euro auf 15 Euro, wieder 25 Prozent Kursrückgang. Und jetzt, in der größten Lufthansa-Krise seit bestehen des Unternehmens, Milliardenverluste, Staatshilfen, bricht der Aktienkurs nur um ein Drittel ein?

Ob und wann nun die 9 Milliarden Euro Staatshilfe kommen, ist noch nicht klar. Die EU will der Lufthansa mit Auflagen das Geschäft weiter kaputtmachen. Selbst wenn das so kommt, wird die Lufthansa dieses Jahr sicherlich jedes Quartal Verlust einfahren. Die für 5 Milliarden Euro bestellten Flugzeuge bei Airbus will die Lufthansa nicht abnehmen, weil keiner fliegt.

In diesem Jahr und sicherlich auch im darauffolgenden werden viel weniger Menschen fliegen als vor der Krise. Somit wird der Umsatz sinken, die Flugzeuge werden kaum ausgelastet sein. Man sagt, ab 75 Prozent Auslastung macht ein Flugzeug erst Gewinn. Nun sind die Flugzeuge aber da, stehen am Boden und kosten Geld. Die Flotten werden zusammengeschrumpft. Experten gehen vom Jahr 2023 aus, dann könnte wieder alles halbwegs normal laufen.

Ende 2019 hatte die Lufthansa 763 Flugzeuge. Es gibt aber auch die immer beliebter werdende Variante des Leasings bei Airlines, übrigens auch bei Reedereien, um Investitionskosten zu sparen. Die Mehrheit der Flugzeuge sind im Eigentum der Lufthansa. Noch im Januar hat die Lufthansa sieben Flugzeuge für 530 Millionen Dollar an einen japanischen Investor verkauft und dann für 10 Jahre zurückgemietet. Dieses Geschäftsmodell dürfte aktuell flachfallen. Wer will jetzt Flugzeuge kaufen, wenn sie keiner mieten will? Wird schwer, die Flotte zu verkleinern, wenn keiner die Flugzeuge kaufen will. Dies wird vermutlich zu Abschreibungen führen. Leasingverträge kann man zwar beenden, dauert aber auch und kostet Geld.

Selbst wenn das alles mit dem Verkleinern der Flotte klappt, bedeuten weniger Flieger und Passagiere auch weniger Umsatz und Gewinn. Dieses Jahr werden wir keinen Gewinn sehen, im nächsten vermutlich auch nicht. Die Aktie kann logisch betrachtet nur weiter abstürzen. Vor dem Crash stand die Aktie bei rund 15 Euro und jetzt bei rund 9,35 Euro. Das passt nicht zusammen. Die Citigroup hat das Kursziel der Lufthansa Aktie auf 50 Cent gesenkt. Ist vielleicht etwas übertrieben, aber der jetzige Preis passt auch nicht.

Diese Situation trifft auf viele Unternehmen zu. Immer mehr hört man von Stellenabbau bei allen möglichen Unternehmen, was vollkommen logisch ist. Weniger Angestellte, bedeutet meist weniger Gewinn. Daher müsste der Aktienkurs deutlich unter dem vor der Krise liegen. Bei vielen Unternehmen ist der Kurs nur leicht eingebrochen bzw. hat sich schon wieder deutlich erholt, obwohl der Schaden noch gar nicht abzuschätzen ist. Daher müssten eigentlich von vielen Unternehmen die Aktienkurse nachgeben, vielleicht nach den Q2-Zahlen im Juli.

Andere Bereiche sind wirtschaftlich nicht nennenswert von der Krise betroffen, Versorger, Technologie, Software oder Wohnimmobilienunternehmen. Daher sind deren Aktienkurse kaum eingebrochen und haben sich auch wieder erholt. Die kann man jetzt durchaus kaufen. Selbst wenn der zweite Crash kommt, werden sie kaum einbrechen.

Man sollte immer sehr differenziert betrachten, wie sich eine Aktie entwickeln kann. Wenn eine fällt, muss die andere nicht auch fallen, die kann auch steigen. Wird die Krise den Schaden vergrößern oder wird es besser für das Unternehmen? Ist das Unternehmen überhaupt von der Krise betroffen? Wird der Schaden größer, sollte man abwarten, weil der Kurs einbrechen müsste. Ist es nicht betroffen, kann man kaufen, weil der Kurs eh kaum eingebrochen ist.



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